Ein (un)entspannter Umgang mit Sexualität

“Ich glaube, ich bin neidisch auf dich, weil du deine Sexualität so unbedarft erkunden konntest. Das konnte ich nie.”

Bäm. Ein Satz, der beim Aussprechen weh tat, als ich ihn zu David sagte. Diesen Moment in der Paartherapie habe ich wirklich nicht kommen sehen.

Denn die Erkenntnis, die mit diesem Satz einherging, überraschte mich, weil sie so unerwartet kam und mein Bild über mich selbst komplett in Frage stellte.

“Können wir machen, wenn du das möchtest” und “Ja, lass uns das probieren” waren typische Sätze von mir, wenn es um Sex ging.

Auf keinen Fall wollte ich die verklemmte Freundin sein, mit der man seine Wünsche nicht ausleben kann. Stattdessen dachte immer ich sei total offen und entspannt mit meiner Sexualität. Und scheinbar war mir das so wichtig, dass ich Gleichgültigkeit mit Offenheit verwechselte.

Es war nämlich nicht so, dass ich von mir aus sonderlich offen oder neugierig war, sondern ich war kalkuliert. Ich habe zum ersten Mal erkannt, dass bei meiner eigenen Sexualität nicht mein Spaß im Vordergrund stand (wie ich bis dahin immer dachte), sondern der Zweck.

Sex war nämlich auch immer ein Machtinstrument für mich. Ein Mittel, um mein Ziel zu erreichen. Sei es, um meinen Partner glücklich zu machen, damit er mich nicht verlässt oder um eine intensivere Beziehung zu mir aufzubauen. Ein bisschen wie ein Tauschgeschäft: ich schenke dir guten Sex und dafür bleibst du bei mir.

Der springende Punkt ist: es ging nicht um mich und meine Bedürfnisse, sondern die meines Gegenübers und auch darum diese (auch in meinem eigenen Interesse) zu befriedigen. Das bedeutet nicht, dass ich keinen Spaß hatte, nur dass Spaß nicht an oberster Stelle stand. Und irgendwie war das so selbstverständlich für mich, dass ich nicht weiter darüber nachdachte.

Als mich diese Erkenntnis dann wie ein Schlag traf, habe ich mich schrecklich geschämt.

Ist das nicht manipulativ und anrüchig?

Irgendwie schon. Und irgendwie habe ich mich auch gleichzeitig gefragt, ob ich jemals eine andere Wahl hatte. Ich bin oft über meine Grenzen gegangen oder besser: gegangen worden, dass ich gar nicht so genau weiss, wo meine Grenzen tatsächlich liegen.

Wo hört die Lust auf und beginnt die Gleichgültigkeit?

In welchen Situationen war mein Körper mehr ein Instrument, das ich benutzte um Bindung herzustellen?

Was gefiel mir persönlich und was habe ich gemacht um Bedürfnisse zu bedienen, die gar nicht meine sind?

Und ist es vielleicht gar nicht so normal, irgendwann einfach Busfahrpläne im Kopf durchzugehen, wenn der Sex schlecht ist, statt es einfach abzubrechen, weil man keine Lust mehr empfindet?

Ich habe mich vorher gar nicht getraut mir diese Fragen ersthaft zu stellen. Um ehrlich zu sein, will ich sie mir bis heute nicht beantworten, weil die Antworten darauf so frustrierend sind.

Und das sind sie vermutlich nicht nur bei mir, denn ich könnte mir vorstellen, dass ich mit dieser Herausforderung nicht alleine bin.

Denn: Sex ist für uns Frauen erstmal prinzipiell gefährlich oder zumindest viel gefährlicher als für Männer.

In der Umgebung in der ich aufgewachsen bin, wurde Sex für Frau extrem stigmatisiert. Einfach nur Spaß an der Sache? Schon bekommt man einen Stempel aufgedrückt. Viele Partner? Stempel. Ungewöhnlichere Experimente? Stempel.

Der Preis für ein freies Erkunden seiner Sexualität schien mir zu hoch.

Doch es waren nicht nur die Stempel und die damit einhergehenden Stigmata, sondern es ist de facto gefährlich. Jeden Tag gibt es in Deutschland einen polizeilich registrierten Tötungsversuch an einer Frau, der meist vom Partner ausgeht. Sich also auf einen Mann einzulassen, kann also im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein.

Klar, die Wahrscheinlichkeit ist nicht so hoch, aber die meisten Frauen haben dennoch ein Bewusstsein für diese Gefahr und möglicherweise fühlen sich viele deswegen nicht so frei in ihrer sexuellen Entfaltung wie Männer.

Sprechen wir also erneut von einem strukturellen Problem, das im Kern aus unserer patriarchalen Gesellschaft entstanden ist?

Ist mir deswegen die Kontrolle so wichtig?

Um dem Gefühl der Ohnmacht etwas entgegensetzen zu können?

Doch es gibt noch einen weiteren Faktor:

Denn da ist da noch die Kultur mit der ich aufgewachsen bin. Ich kann nicht sagen, ob das allgemein ein Ding ist oder ob es nur auf mich zutrifft, aber aufgrund meiner kulturellen Prägung sehe ich zwei Probleme.

Als Frau mit osteuropäischen Wurzeln begegnete ich vielen Klischees, die sich auf Sex mit Osteuropäerinnen bezogen. Ich bin mit dieser Fetischisierung schon früh in Kontakt gekommen, denn sobald sich meine Wurzeln offenbarten, begegnete ich einer Erwartungshaltung wie zB. „Gut im Bett“ und „versaut“ und „leicht zu haben“. Die Motivation mit mir zu schlafen hat sich in dem Moment merklich erhöht.

Aber woher kommt das?

Ich habe mal eine ganz gute Erklärung dafür gelesen. Nach dem Zerfall der UdSSR wurden das Bild der osteuropäische Frauen mit Sexarbeit verknüpft. Das lag nicht zuletzt am (illegalen) Sexhandel, der Frauen aus Osteuropa weltweit zu Sexobjekten machte. Da sind diese Frauenvermittlungsagenturen noch die harmloseste Variante. Sendungen wie „Traumfrau gesucht“, wo Incels ihr Glück in Osteuropa versuchten, taten ihr Übriges um diese ekelhaften Klischees zu befeuern.

Diese Objektifizierung prallte auf meine Naivität und hinterließ viele Narben auf meiner Seele. Wenn Männer dich nicht wie einen Menschen mit Gefühlen behandeln, sondern dich benutzen, wird Sex automatisch zum Mittel.

Gleichzeitig bin ich mit Glaubenssätzen aufgewachsen, die mich denken ließen, dass ich mir als Frau besonders viel Mühe geben sollte, um einen Mann zu halten. So als würde er bei der erstbesten Gelegenheit weglaufen, wenn ich nicht eine erfolgreiche, kluge, schöne und sportliche Sex-Granate bin. Bei meiner Männerwahl hingegen sollte ich nicht zu wählerisch sein. Männer, die halbwegs zurechnungsfähig sind und ihre Frauen nicht schlagen, galten in meiner Wahrnehmung bereits als Jackpot. Diese Glaubenssätze habe ich von einer Nachkriegsgeneration übernommen, in der bis heute die Balance aus Männern und Frauen in der Gesellschaft unausgeglichen ist.

Schlechte Vorraussetzungen also, um unbedarft seine Sexualität zu erkunden.

Leider kann man die Zeit nicht zurückdrehen und alte Erfahrungen rückgängig machen. Aber man kann Neue schaffen. Und vielleicht habe ich durch diese Erkenntnis den ersten Schritt auf dem Weg einer aufregenden Erkundungsreise bereits getan.*

*Dieser Text ist kein Aufforderung für zwielichtige Angebote und Dickpics.

5 Erkenntnisse aus der Paartherapie

“Wie nah fühlt ihr euch heute?”

Mit diesem Satz startet unsere Sitzung meistens. 

1 steht für sehr distanziert. 10 für sehr nah.

Bisher hatten David und ich noch nie dieselbe Zahl genannt. Nicht zuletzt, weil wir Nähe für uns unterschiedlich interpretieren. Immerhin liegt es meistens im höheren Bereich. Das ist schon mal gut.

Als wir (genauer: ich, aber wir klingt besser) beschlossen haben zur Paartherapie zu gehen, gab es keinen konkreten Anlass. 

Ja, wir sind jetzt Eltern geworden.

Ja, wir haben jetzt viel weniger Sex.

Ja, wir haben vor allem ein einziges Gesprächsthema (unser Baby). 

Aber sind wir unglücklich? Ganz im Gegenteil.

Ich für meinen Teil habe mich David noch nie so verbunden gefühlt, wie seit der Geburt unserer Tochter. Wir waren nicht mehr nur in einer Beziehung, wir waren Partner, Verbündete, Gefährten, Krieger, die sich Seite an Seite durch den Babyalltag kämpften.

Und vielleicht war das der springende Punkt: Der Anspruch an unsere Beziehung hat sich verändert. Wir sind jetzt mehr. Wir tragen mehr Verantwortung. Nicht nur uns, sondern vor allem unserer Tochter gegenüber. Wir müssen funktionieren. 

Diese Partnerschaft muss funktionieren. 

Viele gehen zur Paartherapie – und wie ich es lieber nenne: Paar Coaching – wenn es bereits zu spät ist. Wenn Vertrauen verspielt und Dinge gesagt und getan worden sind, die sich nicht mehr zurücknehmen lassen. Warum geht man nicht früher zur Therapie? 

Wenn ich erwähne, dass David und Ich zur Paartherapie gehen, dann führt das meistens zu folgendem Gesprächsverlauf: 

1. ein erschrockener, fragender Blick.

2. Eine vorsichtige Berührung auf dem Arm oder der Schulter

3. “Aber alles ok bei euch?”

4. Mitleidvolles Gucken und ein Blick der sagt: “Du kannst gern mit mir darüber reden”. 

Dass eine Paartherapie so ein Tabuthema ist, ist wirklich sehr schade. Wäre ein Paar Coaching nämlich genauso normal, wie ein Karriere Coaching, wären wir als Gesellschaft insgesamt besser dran.  

Zu Einen, weil ich mir w i r k l i c h gewünscht hätte, meine Eltern hätten sowas mal gemacht, dann müsste ich jetzt nicht meine Kindheit aufarbeiten und es läge nicht an mir den Kreislauf der toxischen Verhaltensweisen zu durchbrechen, damit mein Kind nicht auch noch traumatisiert wird von der Scheisse, die über Generationen in meiner Familie in Sachen Erziehung verzapft wurde. 

Zum Anderen, weil ich der Überzeugung bin, dass es wirklich vielen Paaren helfen würde in ihrer gegenwärtigen Situation und zu mehr Glücksgefühlen im Alltag führen würde. 

Wir haben diese Entscheidung nie bereut. Denn obwohl wir keine richtigen Themen oder Probleme hatten, die Anlass gaben für eine Paartherapie, war es dennoch eine meiner besseren Ideen. Wir lernen uns nicht nur besser, sondern auf einer anderen Ebene besser kennen und vor allem: verstehen. David versteht jetzt viel besser, warum ich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art reagiere, was genau dahintersteckt und andersherum. Denn oft verbergen sich hinter Missverständnissen Verhaltensmuster, die bereits in der Kindheit manifestiert wurden. Dahinter zu blicken und sie überhaupt als solche zu begreifen, war für uns ein Gamechanger. Seitdem akzeptiere ich, wenn David mal prokrastiniert und David unterlässt die bissigen Kommentare, wenn ich mich morgens erstmal dem Aufräumen der Wohnung widme. Die Paartherapie hat uns nicht nur geholfen uns in einer Partnerschaft als Gegenüber, sondern als hochkomplexe Menschen zu begreifen, deren Verhaltensmuster von dem eigenen abweichen – und das zu akzeptieren. 


Auch wenn eine Paartherapie nach wie vor ein Privileg ist, das wir uns gönnen können, kann ich es nur allen empfehlen, die sich als Partner auf Augenhöhe verstehen. Deswegen wird es Zeit, dass wir die Paartherapie aus der Tabu Schublade rausholen und endlich begreifen, wie viel Potenzial für unsere Beziehung rauszuholen ist. Wie viel zufriedener wir im Alltag sind, wenn wir uns von unserem Partner gesehen und verstanden fühlen. 

Schließlich ist es doch auch ganz normal, dass man zum Karriere Coaching geht. Niemand schämt sich dafür, im Gegenteil.

Ist unsere Beziehung etwa weniger wert als unsere Karriere? Warum weigern sich so viele sich auch in diesem Bereich ihres Lebens coachen zu lassen, wo wir doch auch andere Teile unseres Lebens durchoptimieren?Und warum wird die Therapie im Allgemeinen als ein Zeichen von Schwäche gedeutet, wenn es doch eigentlich ein Zeichen der Stärke ist sich seinen Herausforderungen zu stellen und daran zu arbeiten? 

In der Realität ist es doch so: im Alltag einer Beziehung sind es ja oft Kleinigkeiten, die einen am Partner vielleicht nerven. Hier mal ein blöder Kommentar, da mal eine nervige Angewohnheit. Doch die kleinen Dinge, die einem am Partner nerven, werden nicht  selten zu Trennungsgründen. Deshalb sollte man auch diese Dinge ernst nehmen und insgesamt an seiner Beziehung arbeiten, damit die Gefühle, die man für den Anderen hegt, gepflegt werden und nicht vom Alltagsstress überschattet werden.

Seit 4 Monaten gehen wir regelmäßig zur Paartherapie. Obwohl wir es als prophylaktische Vorsorgemaßnahme betrachteten, fanden wir schnell heraus, dass auch wir Themen hatten, die dringend bearbeitet werden mussten. Während unserer vielen Sitzungen hatten wir jedes Mal aufs Neue Aha-Momente und neue Erkenntnisse. Auch wenn diese niemanden überraschen dürften, weil sie doch recht nahe liegen, macht es einen großen Unterschied, wenn man sie in seinen Alltag integriert. 

Zeit für einander zu finden. 

Dass wir uns allein schon die Zeit nehmen zur Paartherapie zu gehen ist ein erster Schritt. Wann nehmen wir uns schon mal im Alltag 2 Stunden Zeit, in denen wir nur miteinander reden, einander zuhören und nichts anderes nebenbei machen?Doch betreutes Reden ist nur der erste Schritt. Je länger man zusammen ist, desto weniger kreativ wird man in der Ausgestaltung der gemeinsamen Paaraktivitäten. 

Regelmäßig eine Date Night zu machen, auszugehen, tolle Dinge gemeinsam zu unternehmen und schöne Erinnerungen zu schaffen ist essentiell, um eine Beziehung am Leben zu erhalten. Klar hat man im Alltag oft mehr Lust gemütlich Serien zu schauen und auf der Couch zu entspannen. Manchmal sollte man sich zwingen auch einfach mal was Richtiges zu unternehmen und Platz zu schaffen für intime Momente. Es ist so ein bisschen wie damals, als man sich überwinden musste auf eine Party zu gehen und am Ende froh über den lustigen Abend war, an den man sich bis heute erinnert. Gemeinsam bewusste, schöne Momente und nicht nur den Alltag miteinander zu verbringen, lässt eine Beziehung neu aufleben.

Hier ein paar Ideen für Quality Time Dates:

– gemeinsam einen Massage Workshop besuchen

– gemeinsam einen Handwerkskurs belegen zB. Töpfern oder etwas Anderes mit den Händen machen- Zusammen eine neue Sportart lernen (zB. Boxen, um die Streits Zuhause auf den Ring zu verlegen oder Bouldern für ein bisschen Abstand)

– generell: Konzerte, Ausstellungen und Theaterbesuche – in den Club gehen (nein, man ist nie zu alt dafür)

– Fallschirm springen 

– Streichelzoo

– Exit Game 

– Jumphouse (aber nicht übertreiben! Ich habe mir dort einen Bandscheibenvorfall zugezogen!)

– eine Boots

– oder Kanutour

– ein Picknickausflug (vielleicht in Kombination mit der Bootstour?)

– Minigolf

– Gemeinsamer Spa Tag

– Blind Dinner

– Freiluftkino

– Kartfahren 

– im Freizeitpark Achterbahn fahren und das Adrenalin genießen


Jeden Tag kleine, kurze Umarmungen 

Wie lang ist die letzte bewusste Umarmung her? Sich regelmäßig am Tag bewusst zu umarmen, Nähe und Zärtlichkeit auszutauschen, ist der Kleber, der aus Zwei Komponenten eine Einheit schafft. Sich miteinander zu verbinden, schafft Bindung. Und ehrlicherweise ist es auch einfach schön sich anlasslos geliebt und geborgen zu fühlen. 


Klar aussprechen, was man will und nicht vom Partner erwarten, dass er es interpretieren muss. 

Tatsächlich ist das nicht selten eine Herausforderung: klar zu kommunizieren was man (selbst/vom Anderen) will. Stattdessen wird unklar gesprochen und viel erwartet. Warum also nicht andersherum? Wozu die Andeutungen, wenn wir doch der Sprache mächtig sind. Wenn der Partner nicht erst Rätselraten muss, hilft das Frust und Enttäuschung auf beiden Seiten zu vermeiden. Es setzt aber auch voraus, dass man auch tatsächlich weiss, was man will. Und wenn man es selbst schon nicht weiss, wie soll der Andere das dann bitte wissen?

Den Anderen sehen und wahrnehmen. 

Wer kennt es nicht: man selbst macht alles, der Partner macht gar nichts. Ok, das war ein bisschen überspitzt, aber oft sieht man wirklich nur das, was man selbst im Alltag leistet und übersieht dabei, was das Gegenüber leistet. 

Da vieles mit der Zeit so selbstverständlich ist, dass es unsichtbar wird, hilft auch hier das Gespräch – und zwar nicht erst dann, wenn man bereits wütend ist. Dabei soll es auch nicht zu einem Aufwiegen von “Ich habe das und du hast das” eskalieren, sondern einfach nur der Anerkennung dessen, was der Andere leistet. Bestenfalls ohne den Dingen einen Wert zu geben (meine Aufgabe ist x-mal wert wie deine Aufgabe), sondern um das Unsichtbare ins Bewusste zu rücken. Denn die Anerkennung der täglichen Leistung ist eine unheimliche wichtige Komponente in einer Beziehung und nicht selten der Grund, warum viele Beziehungen scheitern.

Dem Anderen eine gute Zeit gönnen

Das klingt erstmal selbstverständlich, oder? Ist es aber nicht. In vielen Beziehungen ist es so, dass der Partner eine Art Eifersucht empfindet, wenn der Andere eine gute Zeit hat – ohne den Anderen. 

Tatsächlich war das bei mir und David so ein Thema, schließlich nahm er sich einfach so Zeit für sich?! Ich blieb dagegen Zuhause, arbeitete, kümmerte mich um Haushalt und Baby. In unseren Sitzungen haben wir dann erarbeitet, warum es mir so schwer fällt meine eigenen Verpflichtungen beiseite zu schieben und mir nicht auch mal eine Auszeit zu gönnen, in denen David die gemeinsamen Aufgaben übernimmt. 

Ich habe es einfach nicht gemacht und wurde verbittert. Dabei hätte er mir den Rücken dafür ebenfalls gestärkt. Ich musste also einsehen: nur weil ich es mir nicht gönne, heisst es nicht, dass er sich nicht auch Freizeit und Fußball gönnen darf. Ich musste meine negativen Gefühle gehen lassen und mir stattdessen etwas suchen, das mich ebenfalls so erfüllt und einfach Me-Time ist. 

Druck ablassen!

Eine Kolumne über Mutterschaft und dem Struggle als Frau vielen Rollen gerecht zu werden, weil es die Gesellschaft so erwartet.

Dir kann ich es ja sagen. “Ich lasse sie dann Peppa Wutz schauen”, gestand mir neulich eine Mutter. Sie sagte es ganz leise, so als würde sie da etwas ganz Kriminelles tun. Ich schaute sie fragend an. “Man soll ja Kindern unter 3 ja eigentlich keine Bildschirmzeit erlauben.” Achso. Ups.

Obwohl meine Kleine ja erst 5 Monate alt ist,  fällt auch mir auf: der Druck das Kind rund um die Uhr zu entertainen und zu einem High-Performer zu erziehen, ist hoch. Es soll kein Fernsehen schauen, am besten nur mit Montessori Holzspielzeug spielen und ganz viel Mozart hören. Wenn es das nicht tut, droht gleich eine Entwicklungsstörung. Die Kita soll am besten bilingual mit einem offenen Lernkonzept sein und wer Fläschchenbrei gibt und ihn nicht selbst täglich frisch zubereitet, gilt schon mal grundsätzlich als schlechte Mutter.

Was für ein Druck auf uns Frauen! 

Wir müssen berufstätig sein, um in keine Abhängigkeit zu geraten. 

Wir müssen als Partnerin lustvoll, geduldig und verständnisvoll sein, damit der Mann uns “nicht wegläuft”. 

Wir müssen sexy aussehen und dürfen nicht altern, weil unser Aussehen auch unseren Wert in der Gesellschaft bestimmt. 

Und als Mütter müssen wir unser Kind rund um die Uhr umsorgen und fördern, ohne uns auch mal beschweren zu dürfen. 

Mir persönlich fällt kein Aspekt ein, in dem Frauen kein Druck gemacht wird: Familie, Partnerschaft, Aussehen, körperliches Wohlbefinden, Arbeit, Ernährung, Gesundheit, Haushalt Social Media. Habe ich was vergessen? 

Dabei ist das nicht nur ein wahnsinniger Druck auf die Mütter – denn sind wir mal ehrlich: Väter machen sich da nicht so einen Druck – sondern auch auf die Kinder. Die sollen in ihrer Entwicklung am besten schon ihrer Zeit voraus sein, nach 5 Monaten durchschlafen können und mit 2 keine Windeln mehr brauchen. Sie sollen funktionieren. Das tun wir doch auch?!

Ich frage mich: Ist es wirklich das, was wir unseren Kindern mitgeben wollen?Wollen wir wirklich all den Druck, mit dem wir als Erwachsene und insbesondere als Frauen im Alltag umgehen müssen, egal ob wir uns ihn selbst machen, oder er uns von außen übertragen wird, auf unsere Kinder projizieren?

Oder anders formuliert: Schadet es ihnen wirklich so sehr, wenn sie mal fernsehen oder sich langweilen?

„Ich will doch nur das Beste für mein Kind!“ 

Ich denke das wollen wir alle und es wundert mich nicht, dass der Optimierungstrend deswegen nicht auch vor der Erziehung halt macht. Wir alle wollen unsere Kinder fördern, damit es die eigenen Talente zum Ausdruck bringen kann. Ich bin da keine Ausnahme. Auch ich will meinem Kind alles bieten, damit es die beste Version seiner Selbst werden kann. Aber ist das nicht auch ein wahnsinnig hoher Anspruch an uns beide? Und ich frage mich zunehmend auch: Was ist wirklich auch das Beste für mein Kind? Und kommen die Werte, die wir unseren Kindern vermitteln wollen, nicht zu kurz, wenn wir uns immer nur auf die Fähigkeiten konzentrieren? 

Die individuelle Mischung fürs eigene Kind kennen am Ende die Eltern am besten. Sie spüren, was das eigene Kind braucht. In seinem eigenen Tempo und ganz ohne Druck und Vergleich. Da ist das eigene Bauchgefühl besser als jeder Ratschlag. 

11 Dinge die sich bei mir verändert haben durch die Mutterschaft 

  • 1. Ich bin sensibler geworden. Wenn ich auch nur lese dass irgendwas mit Kindern ist, könnte ich sofort anfangen zu weinen.

    2. Ich bin ruhiger geworden. Früher war ich so getrieben und hatte ständig FOMO. Jetzt spielt das alles keine Rolle mehr. Der Fokus liegt auf dem Kind. 

3. Ich bin sanfter mit meinem Körper. Er ist nämlich ein Wunder und es brauchte 33 Jahre um das zu verstehen. Wäre trotzdem schön, wenn ich irgendwann mal wieder in mehr als 10% meine Kleidungsstücke passen würde.

4. Ich bin geduldiger – vor allem mit dir. Ich weiß, das Baby schreit nicht um mich zu nerven, sondern weil es sich nicht anders mitteilen kann. Wenn ich schnell die Geduld verliere, dann nicht bei dir. 

5. Ich mache mir mehr Sorgen. Sorgen habe ich mir früher auch gemacht, aber jetzt haben sie eine ganz neue Dimension angenommen, denn nichts bereitet mir mehr Angst, als dass irgendwas mit dir sein könnte.

6. Ich bin weniger informiert als früher. Denn – anders als früher – finde ich es kaum zu ertragen, was zur Zeit in der Welt passiert und ich komme nicht umhin mich zu fragen: in was für eine Welt habe ich dich da gesetzt? 

7. Ich mache weniger Fotos von mir – und dafür umso mehr von dir! 

8. Ich nehme die Natur bewusster wahr. Während die Jahreszeiten früher einfach passierten, nehme ich die Veränderungen bei unseren gemeinsamen Spaziergängen viel deutlicher wahr. Die Veränderungen der Blätter, die unterschiedlichen Vögel und die Sonnenuntergänge. Ich genieße das alles auf unseren gemeinsamen Spaziergängen und kann es kaum erwarten dir alles bewusst zu zeigen: die Bäume, die Vögel und dich das erste Mal Schnee anfassen zu lassen. In Gedanken bin ich schon bei all diesen Momenten, während du im Kinderwagen einfach durchschläfst. 

9. Ich bin müder. Wie gerne würde ich einfach mal eine einzige Nacht so richtig durchschlafen… 

10. Ich bin vergesslicher. Was wollte ich gerade eben noch mal machen? Was durfte ich beim Einkaufen auf keinen Fall vergessen? Oh schon wieder die Wickeltasche vergessen! Wo ist schon wieder mein Handy? Für wann waren wir noch mal verabredet? Mittlerweile muss ich mir alles sofort aufschreiben, sonst vergesse ich es in derselben Sekunde. Mein Gehirn fühlt sich einfach fragmentiert an. Stilldemenz ist also nicht nur einfach eine Ausrede. Sie existiert wirklich! 

11. Ich fühle mich zerrissen. Das schlechte Gewissen ist mein neuer Begleiter geworden. Denn egal was ich tue, ich habe das Gefühl ich werde keiner Rolle wirklich gerecht. Meine beruflichen Ambitionen müssen den Bedürfnissen des Babys weichen und anders herum und von meiner Rolle  als Partnerin brauchen wir gar nicht erst reden. Ich wünschte manchmal ich könnte mich verdoppeln- oder besser: verdreifachen. Aber vermutlich würde ich selbst dann ein schlechtes Gewissen haben. 

8 Kilo Extra

Frustriert schaue ich in meinen Kleiderschrank. 5 Monate schon und noch immer passt mir kaum was davon. Die Hosen bekomme ich nicht zu, die Blusen auch nicht, Kleider mit Reißverschluss sowieso nicht, selbst die Ärmel meiner Jacken spannen und die Schuhe drücken. Es passt wirklich nichts mehr. Alles an mir scheint breiter geworden zu sein. 

Heisst es nicht, dass man durch das Stillen abnimmt? Scheint bei mir jedenfalls nicht der Fall zu sein.

Alles an mir ist irgendwie weich.

Meinen Partner scheint es nicht zu stören – im Gegenteil. Ich dagegen vermisse meinen festen Bauch, meinen festen Po und meine definierten Arme. Und im Übrigen auch meine Lunge, die damals nicht so schnell aus der Puste war. 

Ich weiss, mein Körper hat viel geleistet und es braucht 9 Monate, damit er sich wieder zurückbildet und was nicht alles. 

Trotzdem stehe ich hier, vor dem Spiegel und fühle mich unwohl. Zum Einen fühle ich mich in meinem Körper unwohl, zum Anderen fühle ich mich dabei unwohl, auszusprechen, dass ich mich unwohl fühle. Denn heisst es nicht immer, dass alle Körper schön sind oder gilt das nur für Körper, deren Besitzerinnen sich darin auch wohlfühlen? Und ist der Körper nicht sowieso etwas, das uns als Mensch gar nicht erst definiert? Darf ich mich also überhaupt unwohl fühlen? All diese Fragen gehen mir durch den Kopf und bilden einen Knoten. 

Ich komme nicht umhin, ein Opfer der Social Media Falle zu sein, dessen Teil ich ja selbst bin. Gefühlt sehen alle anderen Influencerinnen schon nach 3 Monaten Postpartum aus wie vor der Schwangerschaft. 

So wie sie während der Schwangerschaft auch normal aussahen, während ich mit 30 Kilo extra zu kämpfen hatte. Natürlich weiss ich, dass Social Media nicht unbedingt die Realität abbildet und trotzdem komme ich nicht umhin, mich davon blenden zu lassen.

Und ja, ich mache mir Druck.

Besonders frustriert es mich, dass ich vor der Schwangerschaft endlich an einem Punkt angekommen bin, wo ich mich wirklich wohl fühlte in meiner Haut. Ich hatte eine gute Sportroutine, die ich diszipliniert verfolgte. Denn ein fitter und schlanker Körper war für mich nie selbstverständlich und erforderte schon immer ein gewisses Maß an Bewegung, zumal ich noch nie ein Fan von Diäten war. 

Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, fühle ich mich um Jahre zurückgeworfen. Und ich glaube, das ist es, das mich am meisten frustriert: All die Jahre der Disziplin und ich kann wieder von vorn anfangen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass auch das zur Reise der Mutterschaft gehört: Die Veränderungen am Körper zu beobachten, zu akzeptieren und dankbar zu sein. Und ja, manchmal auch frustriert. Auch das ist Teil meiner individuellen Reise. Die ich an dieser Stelle mit euch teile*, weil ich finde, dass darüber viel zu selten gesprochen wird. Dabei kann ich doch kaum alleine sein mit diesen Gedanken?  Falls ihr euch zum Neuen Jahr vorgenommen habt euren Körper in Angriff zu nehmen – I’m with you. 

*Mir ist im Übrigen natürlich vollkommen bewusst, dass es Meckern auf hohem Niveau ist und natürlich ist auch jedes Extra Kilo mehr nichts im Vergleich zu dem Glück, das ich empfinde, wenn meine kleine Tochter mich anlächelt. 

Wo ist der Pause Button?

Fragt ihr euch das auch manchmal? 

Die Grenzen des Aushaltbaren werden immer weiter verschoben. Unverpixelte Fotos von Vergewaltigungsopfern und Leichen auf der Strasse, Bilder die man früher höchstens rotten.com (wer kann sich daran noch erinnern??) als Mutprobe angeschaut hat, werden jetzt einfach in sozialen Medien und auf Nachrichtenseiten geteilt. 

Wie soll man sich vor diesem Grauen schützen, um nicht gleich abzustumpfen?

Darf man überhaupt die Augen verschließen oder ist es nicht auch wichtig, sich das Grauen bewusst vor Augen zu führen? 

Ich habe keine Antwort darauf, aber ich weiss, dass es ein Privileg ist, überhaupt die Wahl zu haben, ob man sich mit dem Ausmaß der Gewalt, nicht nur im Ukraine-Krieg, sondern auch an anderen Orten auf der Welt, auseinandersetzt. Wer sich dafür entscheidet, die Augen nicht zu verschließen, der erkennt schnell die Belanglosigkeit seiner Alltagsaktivitäten. Chaarlottchen hat mal geschrieben: „Das Leben muss ja weitergehen, sagte der Kapitalismus.“ und ich finde es steckt viel Wahrheit darin. Denn auch, wenn uns das Leid auf der Welt emotional belastet, wir stecken nunmal in einem System, das von uns erwartet, dass wir funktionieren, wie ein Rad im Getriebe.

Dass wir weitermachen, trotz Pandemie, trotz Krieg, trotz Naturkatastrophen. Das Leben muss ja weitergehen. Und das Brutale ist: Das tut es ja auch.

Denn ja, man kann gegen das System sein, gegen Kapitalismus, gegen Krieg, aber wenn sich die eigene wirtschaftliche Situation verschlechtert wie es zur Zeit in vielen Haushalten der Fall ist, rücken nicht nur die größeren Katastrophen in den Hintergrund, sondern nicht selten auch die ideellen Werte. Natürlich will man keine Abhängigkeit von (russischen) Rohstoffen, aber nur die wenigsten sind auch bereit, deswegen eine kalte Wohnung oder teure Spritpreise in Kauf zu nehmen. Genauso wenig, wie nur die wenigsten kostbare Urlaubstage nehmen, um am Hauptbahnhof Geflüchteten zu helfen. 

Insbesondere nach zwei vorausgegangenen Jahren Pandemie, kann ich es  persönlich Niemandem verübeln, wenn sich dadurch eine Art gemeinschaftliche Resignation einstellt, die immer wieder durch die schrecklichen Bilder und Videos, die im Netz geteilt werden, unterbrochen wird. Wie ein regelmäßiger Weckruf, aber keiner morgens um 8, sondern der unerwartete, schrille Ton nachts um halb 4, der die halbe Nachbarschaft aus dem Schlaf reisst.

Wann ist diese Grenze des Aushaltbaren überschritten, frage ich mich.

Olaf Scholz meinte vor Kurzem, wir erleben eine Zeitenwende. Doch schon die Vergangenheit hat gezeigt: Das Alte räumt nicht einfach so seinen Platz, damit das Neue einziehen kann. Veränderung stößt meist auf Widerstand, denn sie ist unbequem, aber eine Kraft, die sich kaum aufhalten lässt, wenn sie einmal in Gang kommt. Revolution und Machtwechsel gehen daher meist mit Gewalt einher und die Wachstumsschmerzen fordern viele Opfer. Und leider nein, es gibt keinen Pause Button. Doch wenn wir das Privileg haben uns zurückziehen zu können, dann ist das in Ordnung es gelegentlich zu nutzen um Kraft sammeln, um die neue Welt mitzugestalten, damit diese nach der Zeitenwende eine Bessere, Gerechtere und Friedlichere sein wird.